Eine Begegnung mit dem Beinwell und die leise Erkenntnis, dass Weitergehen und Verwurzeltsein kein Widerspruch sind.
Manchmal begegnen uns im Alltag Dinge, die auf den ersten Blick ganz unscheinbar wirken.
Eine Pflanze.
Ein Gespräch.
Ein Moment, der schnell wieder vorübergehen könnte.
Und doch bleibt etwas davon.
Vor einigen Jahren hatte ich Beinwell-Tinktur angesetzt. Als die Wurzel ihre Aufgabe erfüllt hatte, gab ich sie der Erde zurück und dachte nicht weiter darüber nach.
Viele Jahre später wächst plötzlich genau diese Pflanze wieder an diesem Ort.
Still und kraftvoll hat sie ihren Platz gefunden.
Ohne dass ich sie geplant hätte.
Vor einigen Tagen war ich mehrere Tage in der Natur unterwegs.
Im Wald.
Im Gehen.
Ganz verbunden mit meinem eigenen Rhythmus.
Als ich zurückkam, war es heiß. Während ich wieder in meine Büroarbeit eintauchte, arbeiteten draußen die Maschinen: Rasenmäher, Gartengeräte – vieles wurde geschnitten, entfernt und neu geordnet.
Meine Vermieterin, die inzwischen über achtzig Jahre alt ist, war gemeinsam mit dem Gärtner dabei, den Garten zu pflegen.
Ich kenne diese Haltung gut.
Sie erinnert mich an meinen Papa.
Sich kümmern.
Verantwortung übernehmen.
Ordnung schaffen.
Und gleichzeitig spürte ich, wie unterschiedlich unsere Vorstellungen von Lebendigkeit geworden sind.
Für manche entsteht Schönheit durch einen gepflegten Garten, in dem alles seinen Platz hat.
Für mich entsteht sie dort, wo auch das wachsen darf, was sich seinen Platz selbst sucht.
Wo eine Pflanze einfach sein darf.
Später sprach mich meine Vermieterin auf eine Pflanze an, an der sie und der Gärtner sich verletzt hatten.
Zuerst wusste ich gar nicht, welche sie meinte.
Es war mein Beinwell.
Im Herbst soll er entfernt werden.
Nicht aus böser Absicht.
Sondern weil er nicht in das Bild dieses Gartens passt.
Und genau in diesem Moment wurde mir etwas bewusst.
Diese Wohnung hat mich viele Jahre getragen.
Sie hat mir Sicherheit geschenkt.
Schutz.
Einen Ort, an dem ich ankommen durfte.
Dafür empfinde ich große Dankbarkeit.
Doch vielleicht darf auch ein Ort irgendwann seinen Dienst erfüllt haben.
Lange habe ich an dieser Wohnung festgehalten.
Auch, weil sie bezahlbar ist und mir Halt gegeben hat.
Heute spüre ich, dass sich mein eigener Rhythmus verändert hat.
Ich sehne mich nach einem Ort mit mehr Weite.
Vielleicht am Wasser.
Mit Stille.
Mit Natur, die ihren eigenen Rhythmus leben darf.
Nach einem Ort, an dem ich kommen und gehen kann, ohne beobachtet zu werden.
Nach einem Ort, an dem die Natur einfach sein darf.
So wie ich.
Und plötzlich wurde mir klar:
Ich suche gar nicht einfach einen neuen Wohnort.
Ich suche einen Ort, der dem Leben entspricht, das in mir gewachsen ist.
Nicht weil der bisherige Ort falsch geworden wäre.
Sondern weil ich ihm in Dankbarkeit entwachsen bin.
Vielleicht erinnert mich der Beinwell genau daran.
Er hat sich seinen Platz selbst gesucht.
Nicht mit Kraft.
Nicht gegen etwas.
Sondern indem er seiner Natur gefolgt ist.
Vielleicht ist der neue Ort deshalb gar nichts, was ich mit aller Anstrengung finden muss.
Vielleicht zeigt er sich, wenn ich bereit bin, ihm zu begegnen.
So wie der Beinwell seinen Platz gefunden hat.
Meine Wurzeln halten mich nicht fest.
Sie verbinden mich mit allem, was mich geprägt hat.
Sie schenken mir Halt.
Vertrauen.
Und die Kraft, weiterzugehen.
Denn manchmal ist es gerade unsere Verwurzelung,
die uns den Mut gibt, neuen Boden zu betreten.
Ich weiß noch nicht, wohin mich mein Weg führen wird.
Ich kann diesen Ort noch nicht sehen.
Aber ich kann ihn bereits fühlen.
Und ich vertraue darauf,
dass er sich zeigen wird.
Schritt für Schritt.
Diese Erfahrung begleitet auch meine Arbeit mit Menschen.
In Zeiten des Wandels, der Trauer oder der Neuorientierung geht es selten darum, alles hinter sich zu lassen.
Vielmehr geht es darum,
das Wertvolle mitzunehmen.
Die eigenen Wurzeln zu spüren.
Und daraus neue Wege entstehen zu lassen.
Ich begleite Menschen dabei, Übergänge bewusst zu gestalten, innezuhalten und wieder in Verbindung mit sich selbst und der Natur zu kommen.
Denn manchmal zeigt uns das Leben ganz leise, dass es Zeit ist, weiterzugehen.
Als ich heute Morgen noch einmal am Garten vorbeiging, blieb mein Blick am Beinwell hängen.
Er steht noch immer dort.
Still.
Verwurzelt.
Vielleicht wird er im Herbst verschwinden.
Vielleicht auch nicht.
Doch das spielt plötzlich keine so große Rolle mehr.
Denn er hat bereits getan, wofür er gekommen ist.
Er hat mich daran erinnert:
Wurzeln sind nicht dazu da, uns festzuhalten.
Sie verbinden uns mit allem, was uns geprägt hat.
Sie schenken Halt.










